Ein Meinungsbeitrag von Said Rezek

Die hohe Frequenz der Meinungen, Eindrücke, Erfahrungen und Informationen in sozialen Netzwerken setzen Medien und Politik immer stärker unter Druck. Internetnutzer erfüllen, ob freiwillig oder unfreiwillig, immer häufiger die Funktion der Stichwortgeber.

Während die Veröffentlichung eines Leserbriefs in einem Printmedium von der Gnade eines Redakteurs abhängig ist, kann heutzutage jeder, überall und zu jederzeit seine Meinung öffentlich äußern. An die Stelle des Drucks von der Straße, ist heute der Druck aus dem Netz gerückt. Es hat sich längst eine kritische Gegenöffentlichkeit in den Internetforen und sozialen Netzwerken gegründet, welche die veröffentlichte Meinung in den etablierten Medien und die Handlungen der Politik zunehmend kritisch hinterfragt.

Das Internet, insbesondere die sozialen Netzwerke erfüllen diese Voraussetzungen, wie kein anderes Medium im Laufe der Geschichte und stellen den Gipfel der sogenannten Medialisierung dar. Solche Verhältnisse versetzen die Verfechter einer kritischen Öffentlichkeit wohl zum höchsten ihrer Gefühle. Es ist an dieser Stelle, jedoch nicht an der Zeit für einen Lobgesang auf die sozialen Netzwerke.

Quantität ist nicht gleich Qualität

Eine alte Lehrerweisheit lautet: Quantität ist nicht gleich Qualität. Das gilt gerade in den Niederungen des Internets. Nicht jeder Erguss eines Bloggers oder die potenzierten Ergüsse vieler, besser bekannt unter dem Namen Shitstorm, sind ein Indiz für eine gesamtgesellschaftliche Bewegung oder einer kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung nach besten Wissen und Gewissen.

Grafik FacebookfollowerTheoretisch hat zwar jeder Zugang zum Internet, das bedeutet jedoch längst nicht, dass alle davon Gebrauch machen und sich an einem Diskus a la Habermas beteiligen. Ein Blick auf die Facebookseiten der Parteien, welche in deutschen Landesparlamenten und im Bundestag vertreten sind, ist sehr aufschlussreich.

Facebook und Twitter sind keine Orakel

AFD und NPD haben die mit Abstand meisten Follower auf Facebook. Das Netz scheint auf den ersten Blick wesentlich rechter zu sein, als das Wahlvolk. Da kann man wohl nur von Glück sagen, dass die Wahlen nicht auf Facebook durchgeführt werden. Auf den zweiten Blick sieht das Netz wiederum ganz anders aus. Auf dem Nachrichtendienst Twitter liegen die Accounts der AfD und NPD weit abgeschlagen auf den letzten beiden Plätzen, während die GRÜNEN die meisten Follower auf Twitter zählen.

Für Facebook und Twitter steht insofern fest, dass sie nicht den Querschnitt der Bevölkerung darstellen und das Meinungsbild auf den Plattformen Facebook keineswegs repräsentativ ist. Seriöse Blogger, Journalisten und Politiker sollten sich über die Eigendynamik sozialer Netzwerke stets bewusst sein. Das heißt natürlich nicht, dass weit verbreitete Meinungen im Netz ignoriert werden sollten. Facebook und Twitter sollten jedoch genauso wenig wie ein modernes Orakel behandelt werden, aus dem die vermeintlich wahre Stimme des Volkes spricht. Im Zweifel sollten sich die Akteure der Öffentlichkeit den Mitteln der Demoskopie bedienen, statt dem ersten Blick zu erliegen.


Said Rezek studiert an der NRW School of Governance den Master-Studiengang Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung. Er beschäftigt sich inhaltlich mit Fragen der Einwanderungsgesellschaft, insbesondere mit der Medienberichterstattung über Muslime. Im Jahr 2015 erhielt er die Auszeichnung der Akademischen Arbeit des Jahres, welche vom Dachverband der schiitischen Muslime Deutschlands (IGS) ausgeschrieben wurde. Mehr zu Said Rezek lesen Sie hier.

Das rechte Netz?
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