Identitätsbildung

Migranten und ihre spezifischen Identitätsfragen

Autorin: Lilli Mill

Wie jedes andere Individuum besitzen Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund eine Identität. Die Identitätsbildung und –entwicklung ist schon an sich ein komplexes und abstraktes Themengebiet. Doch gerade durch die Migration und aus ihren resultierenden Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft werden neue Fragen in Bezug auf die Identitätsbildung aufgeworfen, die nach Antworten verlangen. Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund, die ein Teil der Gesellschaft sind, müssen für sich ihre Identität entdecken und neu definieren. Sie ordnen sich auf ihre Weise in die Gesellschaft ein, interagieren mit ihr und leisten ihren ganz spezifischen Beitrag in einer Pluralgesellschaft. In welchem Ausmaß fühlen sich Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund der Aufnahmegesellschaft zugehörig und welche Faktoren der Identitätsbildung und -entwicklung sind dafür ausschlaggebend? Welchen migrationsbedingt spezifischen Identitätsfragen müssen sie sich stellen?

Identitätsbildung

Das Wort „Identität“, das aus dem Lateinischen stammt und „derselbe seiend“ bedeutet, ist eine Vorstellung von uns selbst, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir von anderen wahrgenommen werden (Abels, Heinz/König, Alexandra: Sozialisation. Wiesbaden 2010, S. 20). Das Selbstbild, das wir selbst von uns machen, kann als „personale Identität“ bezeichnet werden, während das Bild der anderen von uns, welches wir ebenfalls innerhalb der Identitätskonstruktion verarbeiten, die „soziale Identität“ darstellt. Diese Konstruktion, die jedes Individuum fortdauernd ausbaut und verändert, ist somit nie abgeschlossen (ebd.). Im Laufe seiner Biographie, von Kindheit an bis zum letzten Lebensalter, verarbeitet der Mensch seine Erfahrungen, Erlebnisse, Erfolge, Enttäuschungen, all die Veränderungen seines Lebens in einem ständigen Reflexionsprozess; hierin offenbart sich schon die Permanenz der Identitätsbildung. Prägsame Elemente aus der Kindheit und Erziehung, die durch Eltern, Schule und Umfeld bewusst oder unbewusst bestimmt werden, aber auch das soziale Milieu, in dem das Kind aufwächst, gesellschaftliche Strukturen, Normen, kulturelle, religiöse Werte sowie die eigene Persönlichkeit – das sind nur einige wesentliche Faktoren, welche die Identität des Menschen beeinflussen oder noch deutlicher ausgedrückt ja erst bilden. Dennoch besteht, trotz der vielen Einflüsse und Veränderungen, wie gravierend sie auch sein mögen, eine gewisse Kontinuität der Identität, sodass der Mensch immer noch derselbe bleibt und als solcher auch von anderen wahrgenommen wird (ebd.). Die Migration eines Menschen bedeutet zunächst einen Bruch in seiner Biographie, die alles um den Menschen herum verändert. Nicht nur sein komplettes Umfeld ändert sich, auch der Mensch und seine Identitätsbildung wird mit für ihn neuen und fremden Begebenheiten und Problemen konfrontiert, seien es eine fremde Sprache, fremde Kultur, andere Gesellschaftsstrukturen, Mentalitäten, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse.

Nicht umsonst sprechen Migranten davon, dass sie ein neues Leben beginnen. Die großen Veränderungen und Herausforderungen verlangen der Identitätsbildung und -entwicklung sehr viel ab, eine gewisse Sicherheit und Kontinuität braucht der Mensch dennoch, die Vertrautheit, Halt und ein Gefühl der Heimat und Beständigkleit aufrecht erhalten. Diese Sicherheit können die Familienzugehörigkeit, die Herkunftskultur, die Ethnie, die Religion oder die Sprache sein. Kaum ein Migrant wird sich dieser identitätsprägender Charakteristika freiwillig entledigen wollen. Die vielen Migrationsbewegungen der Menschheit belegen ganz deutlich, dass diese Elemente stets mitgetragen wurden und dabei auch Veränderungen in den Aufnahmegesellschaften erfahren haben.

Soziale Identität

Identität wird als ein Zusammenspiel zwischen der inneren Selbstwahrnehmung des Individuums von sich selbst und der Wahrnehmung der anderen, mit denen das Individuum interagiert, verstanden (Frik, Olga: Bildungs- und Berufssituation der Spätaussiedlerinnen (…), in: Migration und Bildung. Münster 2009, S. 185). Dabei müssen die anderen ihre Wahrnehmung vom jeweiligen Individuum nicht unbedingt verbalisieren – die intuitiven Umgangsformen, Konventionen und Rollenerwartungen sowie Gestik und Mimik gehören zum zwischenmenschlichen Interagieren ebenso dazu wie die direkte Kommunikation. Die Identität erfüllt also die Funktion der Wechselwirkung von Individuum und Umwelt (ebd.). Um auf die unterschiedlichen Akzepte der Identität aufmerksam zu machen, kann man von Teilidentitäten bei der Identitätsbildung sprechen, die aus den unterschiedlichen Situationen als Selbsterfahrung aufgenommen, interpretiert, bewertet und integriert werden. Das Identitätsgefühl fügt diese einzelnen Teilidentitäten zu einer Einheit zusammen (ebd.). Somit kann der Mensch viele verschiedene Rollen in seinem Leben gleichzeitig erfüllen wie z.B. eine Tochter, Mutter, Enkelin, Schwester, Tante, Ehefrau, Erzieherin, Lehrerin, Köchin, Hauswirtschaftlerin, Buchhalterin, Organisatorin, Arbeitnehmerin, Freundin, Schwimmerin, Christin und Vereinsmitglied gleichzeitig zu sein, obwohl die verschiedenen Rollen durchaus entgegengesetzte Rollenerwartungen mit sich bringen können.

„Die Vorstellungen, die wir von uns und voneinander als Individuen haben, sind natürlich geprägt von den kulturellen Mustern und den sozialen Rollen, die in dieser Gesellschaft oder in Teilen von ihr gelten.“ (Abels, Heinz/König, Alexandra: Sozialisation, S. 20.). Die Individualität eines Menschen drückt dabei die Differenz des Subjektes zu anderen Individuen aus, und seine subjektiv wahrgenommene Einheit des Selbst drückt wiederum seine Identität aus (ebd.).

In einer Einwanderungsgesellschaft treffen folglich viele Individuen aufeinander, deren Differenzsumme mal kleiner, mal größer ausfallen kann. Ob und wie gemeinsame Schnittstellen in Punkten wie Herkunft, Ethnie, Religion, Sprache, Migrationserfahrungen, soziale Schicht, moralische Werte, politische Ansichten gesucht und gefunden werden, kann sehr unterschiedlich ausfallen, und muss nicht zwangsläufig bei einer größeren Differenzsumme zu Problemen in der Interaktion führen. Hier kann die eigene Selbstwahrnehmung eine entscheidende Rolle spielen, wie diese Interaktion mit dem Anderen, dem zunächst Fremden ausgeht. Da jedoch die Selbst- und Fremdwahrnehmung in einer ständigen Wechselwirkung zueinander stehen, ist es ebenso wichtig zu beachten, welche Signale die fremde Referenz, in diesem Fall die Aufnahmegesellschaft, sendet und welche Selbstwahrnehmung der Migrant daraus entwickelt. Ein Migrant, der aus wirtschaftlichen Gründen auswandert und im Aufnahmeland vom Arbeitgeber bereits erwartet wird, wird sicherlich eine ganz andere Selbstwahrnehmung haben als ein Migrant, der existenziellen Startschwierigkeiten bei der Einreise ausgesetzt ist oder Diskriminierung und Ausgrenzung erfährt.

Zugehörigkeit und Orientierung

Durch das Agieren der Menschen miteinander können Identifikationen mit Wesensmerkmalen einer Bezugsgruppe entstehen, sodass sich die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe entwickelt und wächst. Für das Individuum bedeutet das: Er findet eine Übereinstimmung seiner Orientierung, also eines Teils seiner Identität, mit der Orientierung der Bezugsgruppe und diese Übereinstimmung gibt ihm Sicherheit und stärkt seine Identität.

Für ein soziales Wesen, wie der Mensch es ist, ist diese Zugehörigkeit zu Bezugsgruppen für die Identitätsbildung unentbehrlich, andernfalls kann es zu starken Identitätskrisen führen. Bei Angehörigen von sozialen Minderheiten ließe sich gut beobachten, welchen Bezugsgruppen sich die Einzelnen mehr zuwenden und somit auch eher zugehörig fühlen: Der eigenen Minderheitsgruppe oder der Mehrheitskultur (Nieke, Wolfgang: Kulturelle und ethnische Identitäten, in: Junge Muslime in Deutschland. Opladen 2007, S. 85). „Eine Orientierung an der Mehrheitskultur wird zumeist als gelingende soziale Integration und damit aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft als wünschenswert gewertet.“ (ebd.)

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