Integration ist ein äußerst komplexer Prozess. Unsere Autorin Lilli Mill geht in ihrer Analyse der Frage nach, auf welchen Ebenen sich Integration vollzieht und welche Konflikte dabei entstehen können.

Hände, die als Zeichen der Integration ein Herz formen

Die gesellschaftliche Integration, die Sozialintegration, lässt sich in fünf verschiedene Dimensionen gliedern: die individuell-strategische Integration, die sozial-emotionale, die kulturell-authentische, die kommunikative und die projektive Integration (Schubert, Hans-Joachim: Gesellschaftliche Integration, in: Migration und Bildung, Münster 2009). Hier soll nur auf zwei der fünf Dimensionen eingegangen werden, auf die sozial-emotionale und die kulturell-authentische Integration, da sie sich mit den sozialen Normen und den kulturellen Werten der Menschen mit Migrationshintergrund und der Aufnahmegesellschaft beschäftigen.

Zwischen den Stühlen

Die sozial-emotionale Integration findet dann statt, wenn Akteure handeln, weil sie emotional an Gemeinschaften gebunden sind und im Sozialisationsprozess Normen verinnerlichen, sodass ihre persönlichen Ziele den Normen der Gesellschaft entsprechen (ebd.) – sie sich mit diesen also identifizieren. Integration ist folglich ein langer Lernprozess und erst dann auf dieser Ebene erfolgreich, wenn emotionale Bindungen und Solidarität mit den Gemeinschaftsmitgliedern entstanden sind. Das bedeutet allerdings auch, dass sozialisierte Individuen diese Gemeinschaftsbindungen nicht einfach wählen oder abwählen können (ebd.), da dieser Prozess nicht einseitig stattfinden kann. Die Konflikte, die auf dieser Ebene stattfinden können, haben den Hintergrund, dass moderne Einwanderergesellschaften sozial-strukturell differenziert sind und aus vielen, unterschiedlichen sozialen Gemeinschaften bestehen. Daher wird es für den Einzelnen zunehmend unklar, welcher Gemeinschaft er eigentlich verpflichtet ist, denn es entstehen ständig Rollenkonflikte, die das Individuum mit Erwartungen konfrontieren, die sich gleichzeitig erfüllen oder sich widersprechen können (ebd.). So lässt sich die oft beschriebene Situation von Menschen mit Migrationshintergrund erklären, wenn sie aussagen, dass sie sich wie zwischen zwei Stühlen fühlen. Konflikte entstehen aber erst, wenn Akteure außerhalb der gesellschaftlichen Gemeinschaft angesiedelt werden, durch Exklusion oder Sozialisationsdefizite (ebd.). Die Lösung auf dieser Ebene ist daher Inklusion, also die Bereitschaft zur emotionalen Anerkennung und Bindung auf beiden Seiten und die Verinnerlichung von gemeinsamen, sozialen Werten (ebd.).

Miteinander ins Gespräch kommen

Die kulturell-authentische Integration drückt aus, dass Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft in kulturelle Dialoge eintreten und deshalb eine Vergleichsfläche entwickeln können, sodass Anerkennung von Differenzen und die Verschmelzung von Werten ermöglicht werden (ebd.). Die Authentizität der Personen und der Gemeinschaft wird durch die Wahrung der Würde und Achtung vor einander aufrechterhalten. Inhaltlich beziehen sich diese Dialoge nicht nur auf die Religion, sondern auch auf die kulturellen Traditionen und vor allem auf die Bewertung familiärer Migrationserlebnisse. Diese Inhalte werden aus der ursprünglichen Herkunftsgesellschaft privat oder öffentlich in die dialogbereite Aufnahmegesellschaft hineingetragen, indem beispielsweise Migrationserfahrungen von der zweiten und dritten Generation in der Öffentlichkeit durch populäre Musik, Filme, Literatur, Comedy und Kulturaustausch zum Ausdruck gebracht und von Deutschen ohne Migrationshintergrund wahrgenommen werden, sodass Ansätze der Anerkennung von Differenzen erkennbar werden (ebd.). Konflikte können jedoch entstehen, wenn mangelnde Anerkennung kultureller Identität und Sinnverlust vorherrschen (ebd.).

Appell: Vergessen wir also bei all den politischen Integrationsleitlinien, -strategien und -diskursen bitte nicht, dass es Menschen mit Gefühlen und Hoffnungen sind, über die wir sprechen.

 


Lilli Mill studiert Deutsch, Geschichte und Islamische Religionslehre im Master of Education an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im Laufe ihres Studiums hat sie sich in den Fachbereichen Geschichte, Erziehungswissenschaften und Islamische Religionslehre mit der Integrationsthematik multidimensional beschäftigt.

Integration ohne Emotionen ist undenkbar