Integration – was ist sie wirklich?

Sozialintegration und Deutschlands Leitkultur liegen nah beieinander

Autorin: Lilli Mill

Immer wieder ist Rede von einer fehlenden, einheitlichen und allgemeingültigen Definition des Begriffs Integration, dennoch herrscht ein gemeinsamer Rahmen über das Verständnis des Integrationsprozesses. Bevor auf den Begriff der Integration, ihre einzelnen Dimensionen und Bedingungen eingegangen wird, soll ein Blick auf eine Integrationstheorie helfen, die Relevanz der später genannten Dimensionen besser zu verstehen.

Erfolge und Misserfolge bestimmen unseren Willen

Hartmut Essers, eines Soziologen der Universität Mannheim, Theorie zufolge entscheiden sich Individuen unter Rückgriff auf ihre Fähigkeiten für eine Handlung, um ihre Ziele zu erreichen, wobei sie stets die Vor- und Nachteile, Zwecke, Mittel und Folgern ihrer Handlungen abwägen. Ist das Resultat dieser Handlungswahl subjektiv erfolgsversprechend und mit keinen Negativfolgen versehen, stellt sich eine Eingliederung in das Aufnahmesystem ein (Esser, Hartmut: Aspekte der Wanderungssoziologie, Darmstadt/Neuwied 1980). Erfolge und Misserfolge spielen somit eine entscheidende Rolle, da sie ausschlaggebend für das weitere Vorgehen, also eine weiterführende Eingliederung oder Absonderung, sind (ebd.). Esser geht des Weiteren von einem wechselseitigen Wirkungsverhältnis zwischen dem handelnden Individuum und dem Umfeld aus, deshalb können Anpassungsprobleme nicht nur den Migranten zugeschrieben werden (ebd.).

Leitkultur Deutschlands = Pluralität von Kulturen und Lebensformen

Die Forderung, die an Eingewanderte von der Aufnahmegesellschaft gestellt wird, lautet Integration, was so viel wie die „Eingliederung in die Gesellschaft“ meint und damit den Rückzug in monoethnische Parallelgesellschaften negiert (Santel, Bernhard: In der Realität angekommen, in: Integration und Einwanderung, Schwalbach/Ts. 2007). Verlangt wird die Partizipation an der „Leitkultur“ des Aufnahmelandes. Bernhard Santel weist allerdings darauf hin, dass westliche Gesellschaften liberale Gesellschaften seien, die es ihren Bürgern weitgehend selbst überlassen, wie sie ihre „Kultur“ leben und ihr Leben gestalten. Somit ergebe sich aus der individuellen Freiheit, welche durch die Verfassung garantiert sei, die Schlussfolgerung, dass die moderne Gesellschaft keine verbindliche kollektive Kultur oder Religion besitze (ebd.). Alle Bürger, ob eingewandert oder nicht, müssen sich zwar an die Gesetze des Landes halten, aber ihnen steht es frei zu entscheiden, welche Lebensentwürfe und Verhaltensweisen sie wählen. Folglich sei gerade diese Pluralität der Lebensformen und Kulturen ein zentraler Bestandteil der Leitkultur Deutschlands (ebd.).

Dimensionen von Integration

Des Weiteren soll Integration als eine Verbindung zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft, die ein Ganzes binden, verstanden werden (Anthanassiadou, Zoi: Bedingungen gelungener Integration, Bochum/Freiburg 2014). Somit muss differenziert werden, welche Art von Integration die jeweiligen Teile der Gesellschaft betreffen. Hier wird zunächst in zwei große Lager getrennt: die Systemintegration und die Sozialintegration. Die erstgenannte Integration umfasst die Verknüpfung der unterschiedlichen institutionalisierten Subsysteme wie das Rechtssystem, das Verkehrssystem, das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und die Politik.

Die Sozialintegration hingegen befasst sich mit der Eingliederung der Akteure, sodass bei der Integration von Migranten eben diese Sozialintegration – eine Inklusion in die verschiedenen Teilbereiche der Gesellschaft und die Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen – gemeint ist (ebd.). Hier spielt die gemeinsame kulturelle Orientierung wie z.B. gemeinsame Wertvorstellungen, Gemeinschaftssinn, Loyalität und Emotionen eine wichtige Rolle. Der Terminus “gelungene Integration” von Individuen oder Kollektiven wird also eigentlich von der Frage begleitet, ob wir als Gestalter einer Gesellschaft gut zusammenpassen. Eine gescheiterte Integration würde demnach diese Frage verneinen. Doch so einfach kann nicht in “Ja” und “Nein” nach einem Schwarz-Weiß-Muster geurteilt werden.

Die Teilhabe der Migranten an der Aufnahmegesellschaft zeigt sich in unterschiedlichsten Formen verschiedenster Intensität – in Form des Erwerbs von Sprachkenntnissen, der Beteiligung am Bildungssystem und dem Arbeitsmarkt, der Gewährung von Rechten, der Entstehung von sozialer Zugehörigkeit und Akzeptanz, der Beteiligung am öffentlichen und politischen Leben sowie der emotionalen Identifikation mit dem Aufnahmeland (Esser, Hartmut: Integration und ethnische Schichtung, Mannheim. [http://www.mzes.uni-mannheim.de/publications/wp/wp-40.pdf; Stand: 15.11.2011]). Das sind jedoch langwierige Prozesse, dessen Erfolge beidseitig, sowohl von Individuen als auch von der Aufnahmegesellschaft, bestimmt werden.

Mit der Integrationstheorie von Hartmut Esser im Hinterkopf sollten wir uns von der Frage: “Wie können wir Migranten besser intergireren?” verabschieden und uns besser der Frage widmen: “Wie können wir dazu beitragen, dass sich Migranten hier wohlfühlen?”

Integration – was ist sie wirklich?